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Nach seinem Wegzug aus Berlin richtete sich der Maler und Bildhauer Jörn Kempfer im März 2010 ein Atelier im gerade gegründeten Künstlerhaus Hafenkult in Duisburg ein. Begeistert von der Atmosphäre des neuen Ateliers mit seiner Lage direkt am Hafen und seinem Ausblick auf die Kräne und internationalen Container begann eine sehr produktive Zeit für ihn.

Oft arbeitet er in seiner Malerei wie ein Bildhauer. Er geht von einer monochromen, meist schwarzen oder braun-bläulichen Farbfläche aus und arbeitet dort hinein durch Auflösen oder Wegnehmen der Farbmaterie.

Oft arbeitet er aber auch völlig anders und lässt dem Weiß des Malgrundes größten Spielraum. Dann bleibt der Prozess der malerischen Illusion sichtbar. Er spielt mit der Wirkung des trompe l’oil. Der Betrachter vermag nicht genau die Bildebene der Darstellung zu verorten, die zugleich hinter und vor der Bildgrund zu sein scheint.

Jörn Kempfer hält beim Malen keine Systematik ein, vielmehr arbeitet er spontan und ungeregelt. Daher resultiert eine sehr spezielle Art des Vorgehens: Der Künstler malt auf große, auf Holzplatten nur angeheftete Leinwandstücke, die er erst im Nachhinein nach Fertigstellung der Bildfindung auf Keilrahmen aufspannt. Dies erlaubt ihm beim Malen bis zuletzt größtmögliche Spontanität, um den Verlauf seiner Malerei offen zu halten und jederzeit Veränderungen der Komposition in Form und Größe vornehmen zu können. So kann sich beispielsweise ein Hochformat beim Prozess des Malens in ein Querformat verwandeln.
Nach eigenem Bekunden liebt er es, ein Bild auf dem Weiß voller Möglichkeiten zu beginnen. Das sei Freiheit für ihn. Oft entwickele sich ein Bild wie eine plastische Explosion in dem Nichts des Weiß.

Plastische Konfigurationen entstehen im Arbeitsprozess, teils mit, teils ohne konkrete gegenständliche Bezüge. Gegenständliches und Ungegenständliches ist für ihn dasselbe. Die Bewegung der Malerei ist ihm wichtig. In seiner Malerei geht es um Licht, Raum, Plastizität, Textur, Emotion. Zugleich mit ihren inhaltlichen Bezügen haben Bilder ein rein visuelles Eigenleben: Die Sinnlichkeit der Farbmaterie und der entstehenden Texturen, die Plastizität, das Leuchten, Durchscheinen und Abdunkeln, die Kontraste und Rhythmen von Bewegungen im Vor und Zurück von räumlichen Spannungen. Davon sei er während des Malens in wechselnden Leidenschaften besessen, sagt der Künstler.

Er arbeitet in Serien. Dabei wandelt er seine Ideen ab und probiert Möglichkeiten aus, um die stärkste Wirkung zu finden. Das gilt auch für seine Bildhauerei. Oft benutzt er dazu im Flussbett gerundete Findlinge aus Marmor. Mit der Maschine und speziellen Meißeln werden Eingriffe vorgenommenen. Schlagen, schneiden oder schleifen erzeugen verschiedene haptische und, der Visualität der Malerei nahe, auch optische Texturen. Bei diesen Skulpturen geht es um räumliche und strukturale Gliederungen. Der Prozess des Eingriffs in die vorgefundene Form bleibt rekonstruierbar. Vorgefundene und hergestellte Formen erzeugen visuelle Spannungen.

Die Verwendung des Marmors als Werkstein resultiert aus seiner Lehrtätigkeit an der Scuola di Scultura di Peccia im Tessin. Die Schule ist unmittelbar am Marmorsteinbruch gelegen.

Bei anderen Skulpturen geht es um kinetische Aspekte. So bei den Bodenskulpturen. Auf kleinen, gerundeten Steinen sind Kuben oder Platten aufgesetzt, die in leichte Schwingung versetzt werden können. Bei anderen Skulpturen ist die Spannung von Balance und Schwingung in vertikaler Ästhetik thematisiert. Wieder andere gehen von der in der Meeresbrandung entstandenen Rundheit von Steinen aus und stellen in formalen Analogien mit anderen Materialien Zeitbezüge her.

Malerei und Skulptur sind für ihn nur Pole der selben Sache, wie er sagt. Die Bewegung dazwischen bringe ihn weiter.


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